Schimmerndes Bewusstsein
Gestern am frühen Abend: Nach einem langen Tag vor dem Bildschirm noch ein paar Schritte im Grünen. Ich lebe am Stadtrand von München und genieße den Luxus, umgeben zu sein vom Laubwald des Isar-Hochufers. Als ich hinaustrete, blicke ich hinauf die Baumkronen, wo goldenes Abendlicht durch grüne Zweige fällt. So gewöhnlich und gleichzeitig so magisch ist dieses Schauspiel, dass mir einer meiner Lieblingsverse aus dem Vijnana Bhairava Tantra in den Sinn kommt: „Erkenne dich selbst im Spiel tanzender Lichter.“ Ein Moment des Erinnerns, in dem ich die Heiligkeit der Schöpfung bewusst wahrnehme.
Die tantrischen Traditionen haben dafür ein Wort, das ich so sehr liebe, dass ich meine Yoga-Akademie danach benannt habe: Spanda. Dieser Sanskrit-Begriff (übrigens ein sprachlicher Verwandter des deutschen Worts „Spannung“) wird üblicherweise als Puls von Expansion und Kontraktion beschrieben, als endloser Prozess von Werden und Vergehen. Denn im Tantra ist Bewusstsein keine stille, passive Instanz, sondern ein dynamischer Prozess, der sich vor Kreativität regelrecht übersprudelnd immer wieder neu ausdrückt und verwirklicht.
Doch Spanda hat eine noch subtilere Facette: Das Wort beschreibt das Schimmern des reinen Bewusstseins, das sich hinter jeder Form und Gestalt verbirgt. In Momenten vollkommener Präsenz und offenen Staunens – Tantrikas nennen diesen Zustand camatkāra – können wir dieses heilige Erschauern der Schöpfung wahrnehmen. So wie Sonnenlicht über Wasser flirrt, offenbart sich uns einen Moment lang die erhabene Lebendigkeit dieser Welt: Die Schleier der Maya, die uns ein Universum der Pluralität erfahren lassen, werden transparenter, so dass das EINE Absolute durchscheinen kann.
Diese Spanda-Momente stillen Erkennens begegnen dir am häufigsten in der Natur, wenn der Wind durch hohe Gräser streicht, die Sonne schimmernd im Meer versinkt oder goldenes Abendlicht durch Blätter fällt. Sie erinnern uns daran, dass alles, was ist – auch du und ich – aus demselben Stoff gemacht ist: leuchtendes Bewusstsein, das sich für einen flüchtigen Moment in Form und Gestalt erfährt.
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