Shiva & Shakti: Eine Frage der Balance

 

In letzter Zeit denke ich – inspiriert von Mirabai Starrs wundervollen Buch „Wild Mercy“ – viel über das „weibliche Prinzip“ nach. Ich gebe zu, ich bin manchmal etwas entnervt vom sogenannten „Female Empowerment“ und glaube immer noch, dass Männer die schweren Koffer schleppen und Frauen Babys stillen sollten – auch wenn ich aus tiefstem Herzen befürworte, dass sich das weibliche Geschlecht nach langen Jahrhunderten der Unterdrückung endlich emanzipiert.

Wenn ich vom „Heiligen Weiblichen“ spreche, geht es allerdings gar nicht um Geschlechterrollen, sondern um ein übergeordnetes Prinzip, das Frauen wie Männer gleichermaßen betrifft.

In der östlichen wie westlichen Spiritualität ist seit vielen Jahrhunderten das „Heilige Männliche Prinzip“ dominant. Die Tantriker mit ihrer lebensbejahenden Affinität zur Göttin bilden da eine Riesen-Ausnahme – womöglich der Hauptgrund, warum mich diese Tradition so anzieht.

Das „Heilige Männliche“ wird generell assoziiert mit einem Hang zu Askese, Entsagung, Läuterung und religiöser Strenge, wie wir ihn z.B. in klösterlichen Gemeinschaften in Ost und West finden. Es geht einher mit einer gewissen Tendenz, sich der Welt „up and out“ in transzendente Sphären hinein zu entziehen, dem Streben nach Reinheit und Perfektion.

Das „Heilige Weibliche“ – oft auch als die Göttin bezeichnet – kommt hingegen weicher und weltlicher daher. Seine Qualitäten sind verbindend, nährend, bewahrend. Eben mütterlich. Es vertritt das Prinzip der Immanenz, sieht also das Göttliche im Irdischen, in der Natur, allem innewohnend. Sein Blick richtet sich auf das Diesseits und strebt nicht nach Erlösung im Jenseits.

In der indischen Mythologie werden diese beiden Prinzipien veranschaulicht durch Shiva, der der Welt entrückt ganze Äonen lang auf dem Kailash meditiert, während Shakti – die Göttin – versucht, ihn ins Leben zurückzuziehen.

Jeder von uns vertritt beide Prinzipien – jedes zu seiner Zeit. Es geht hier wie schon gesagt nicht um Rollen-Clichés, sondern um Balance. Wir Menschen tragen alle eine gewisse Sehnsucht in uns, dem Leben und seinen leidvollen Erfahrungen zu entkommen. Und sind doch alle gerufen, es in seiner Fülle zu erfahren, den Becher bis zur Neige zu trinken und unsere Aufgabe, unser „Dharma“, hier auf diesem Planeten zu erfüllen.

Diese Balance ist das Liebesspiel von Shiva & Shakti. Und sie ist lange schon aus den Fugen. Die Unterdrückung der Frau – gipfelnd in Hexen- und Witwenverbrennungen, Zwangsverheiratungen und anderen Abscheulichkeiten – ist nur ein Beleg von vielen für die ungesunde Dominanz des Männlichen und ihre toxischen Folgen.

Im weiblichen Geschlecht zeigt sich diese Disbalance übrigens genau wie überall sonst – in einem Hang zu Perfektion, Leistungsorientierung, Wettbewerb. Und auf diesem Planeten hat sie Spuren der Verwüstung hinterlassen, die einem das Herz brechen können.

Ich halte es für eine der wichtigsten Aufgaben jeder spirituellen Praxis, das Gleichgewicht zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen wieder herzustellen. Es ist eine innere Versöhnung, die in jedem von uns stattfinden kann.

Es ist Zeit für die Rückkehr der Göttin.
Der Wandel hat schon eingesetzt – und wie immer beginnt er in Dir selbst.