die Kunst der Langeweile

 

Wann hast Du Dich zum letzten Mal gelangweilt? Ich meine nicht: im Meeting, bei einem ereignislosen Fußballspiel oder der Übertragung des Eurovision Song Contests. Sondern einfach gelangweilt, weil gar nichts passiert ist. Weil es nichts zu tun gab – noch nicht mal ein Amazon-Paket für den Nachbarn annehmen. Weil gerade niemand etwas von Dir wollte, z.B. Deine Aufmerksamkeit. Weil sich ausnahmsweise mal kein Bekannter per What’s App mit Strandfotos aus dem Urlaub gemeldet hat.

Diese gepflegte Langeweile, in der wir einfach nur Löcher in die Luft starren, scheint komplett aus unserem Leben verschwunden zu sein. Jeder Moment will gut genutzt sein, und unsere Smartphones sorgen dafür, dass er das auch ist: Noch schnell eine Sprachnachricht versenden, einen Instagram Post erstellen, jemandem, den man kaum kennt auf Facebook zum Geburtstag gratulieren. Noch schnell einen Flug, ein Hotelzimmer oder die Yogastunde buchen und die Vitaminpillen nachbestellen. Und wenn sich in unserer endlosen To-Do-Liste doch mal eine Lücke auftut, schließen wir die sofort wieder, indem wir uns in den Sozialen Medien oder auf Spiegel-Online mit den neuesten Infos versorgen. Hier finden wir dann noch mehr Events, an denen wir teilnehmen und noch mehr Probleme aus aller Welt, über die wir uns den Kopf zerbrechen können.

Ist das nicht super? Die total entschleunigte, kaugummi-zähe Langeweile, die manche von uns noch aus Kindertagen kennen, ist abgeschafft! Endlose Stunden haben wir auf italienischen Autobahnen gedankenverloren aus dem Fenster gestarrt oder unsere Eltern bedrängt, mit uns „Ich sehe was, was Du nicht siehst“ zu spielen. Heutzutage wird jede noch so kurze Strecke, jedes Warten auf die Pizza im Restaurant und jede Fahrt im Schulbus mit einem Bildschirm vor Augen und Airpods in den Ohren bestritten.

Doch mit der Langeweile ist sang- und klanglos auch etwas Anderes aus unserem Dasein verschwunden: die stille Präsenz, mit der wir dem Leben zwischendurch mal einfach so beiwohnen. STILLE und PRÄSENZ sind das, was ich als den wahren Luxus unserer Zeit bezeichne (in der SUVs und Fernreisen längst keiner mehr sind).

 Stille Präsenz ist Langeweile in ihrer schönsten Form: Sich mit leerem Blick unter einen Baum setzen und dem Leben lauschen. Den Raum zwischen zwei Gedanken ausdehnen. Weit werden und den Atem empfangen. Zulassen, dass wir uns selbst mal wieder wirklich spüren.

 Das ist die Kunst der gepflegten Langeweile.
Möge sie in unserer kurzweiligen Zeit wieder Einzug in Dein Leben halten!