Eva und das große Ja!

 

Seit ich mich mit der tantrischen Philosophie beschäftige, begegnet sie mir einfach überall. Es ist nicht so, dass die Lebensprinzipien der Tantriker anderen Traditionen und Kulturen völlig fremd waren. Sie haben einfach andere Metaphern für das schwer in Worte zu Fassende verwendet, die sich mir oft weniger leicht erschließen. Leider gilt das auch zu großen Teilen für die Spiritualität meines eigenen, christlichen Kulturkreises, die ich – unter dem Schutt von zwei Jahrtausenden des Missbrauchs und der Verzerrung – erst allmählich wieder entdecke. Mit Freude und Staunen, ganz im Sinne des tantrischen Gedankens.

Als ich heute Abend meine kleine Tochter ins Bett brachte und noch eine Weile bei ihr im dunklen Zimmer sinnierte, wurde mir aus heiterem Himmel klar, dass unsere Urmutter Eva die erste wahre Tantrika war. Und die erste Rebellin.

Eva verkörpert das weibliche Prinzip schlechthin: die Sinnliche, die Lebenshungrige, die Neugierige, die Verführerin und Verführte. Entgegen Gottes Verbot nascht sie – von der in tantrischen Kreisen als „Kundalini“ bekannten Schlange angestiftet – vom Baum der Erkenntnis. Sie ist kein rehäugiges Opfer böser Mächte. Sie trifft ihre Wahl, so wie Neo in der „Matrix“ nach kurzem Zögern zur Tablette des Erwachens greift. Genau wie er kann sie dem Leben nicht widerstehen.

Was folgt ist der (Sünden-)Fall mitten ins schmuddelige Leben hinein, „Shakti’s Descent“ würden die Tantriker sagen. Mit dem Biss in den Apfel sagt Eva JA zu einem erwachten Leben jenseits des Goldenen Käfigs des Paradieses, das nur das Licht kennt, aber nicht die Dunkelheit.

Eva – deren Name auf hebräisch übrigens nichts Anderes bedeutet als „Leben“ – sagt JA zum Schmerz wie zur Freude, JA zu allen Höhen und Abgründen des irdischen Daseins. JA sogar zum Tod. Sie ist bereit, das Leben in seinem vollen Spektrum auszukosten. Mit Freude und Staunen, wie ich hoffe.