Posted on 13 Mai 2017

Die Erkenntnis dämmerte beim Joggen: Meine Laufstrecke ist zu einem mentalen Versuchslabor geworden, in dem ich mit verschiedenen Techniken experimentiere, um meinen inneren Widerstand zu überwinden. Ausdauersport liegt mir nicht; er ist langweilig und eine ziemliche Quälerei, die meistens jeglicher Leichtigkeit entbehrt.

Letztes Wochenende auf der Hochleite an der Isar: Keuchend hielt ich Ausschau nach meinem gewohnten Pausenpunkt auf der Großhesseloher Brücke, genervt von der gröhlenden Ballermann-Besatzung, die auf diversen Isarflößen unterwegs war.

Einem der extrem langweiligen Physik-Lehrer meiner Schulzeit verdanke ich die Einsicht, dass Energie nie verschwindet, sondern lediglich ihre Form verändert. (Genauso wie wir, übrigens, da wir ja nichts anderes sind als schwingende Energiesyteme.) Könnte ich also einen Weg finden, um die lautstark freigesetzte Energie dieser fröhlich-betrunkenen Floßgemeinschaften für mich zu nutzen?

Im Yoga erfahren wir, dass wir umgeben sind von PRANA, der universellen Lebensenergie. Die tantrische Philosophie lehrt, dass alles, was wir wahrnehmen können, ein Ausdruck von SHAKTI ist, dem göttlichen Aspekt von Energie, Fluss, Dynamik, Veränderung.

Ich glaube fest daran, dass wir auf dieser feinstofflichen, energetischen Ebene mit allem, was ist, verbunden sind. Welch ungeheures Energie-Reservoir und Potential steht uns wohl zur Verfügung, wenn wir Wege finden, uns dem zu öffnen?

Ich verbrachte den Rest meiner Jogging-Strecke damit, mich ALLEM zu öffnen und ALLES als Kraftquelle wahrzunehmen: Die Vögel in den Bäumen, vor mir herumtaumelnde Kleinkinder auf Fahrrädern, die spürbare Anstrengung der mir entgegenkommenden Läufer – ja selbst meine eigene Frustration und Erschöpfung. Alles nahm ich in mir auf, ließ es durch mich hindurchfließen und gab es weiter, damit es anderen zur Energiequelle wird.

Habe ich deshalb einen Marathon in Rekordzeit absolviert? Nein – ich kam wie üblich nassgeschwitzt und keuchend daheim an. Mit einem Lächeln. Denn ich habe eine gewisse Leichtigkeit gefunden. Und eine Lektion gelernt, die seither zu einer lebenserleichternden Alltags-Praxis geworden ist (und mir in allerlei Reiz-Situationen Gelassenheit geschenkt hat):

Alles, was uns begegnet, hat das Potential, uns zu stärken und zu nähren, wenn wir Wege finden, uns ihm ganz und gar zu öffnen.

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Aus Swami Chetananandas Buch „Breath of God“:

„Tension and flow are different states of the same energy. What is tension on one level is a tremendous nourishment and resource on another level. The difference between them is this: are you resisting?“